Mein Bottrop

2009 - 2019

zehn Jahre Bottropbaer.de



Bottropbaer.de

Bottrop, ich komm von dir wech


Ich habe mir auch mal meinen eigenen Weihnachtsmarkt vorgestellt... (leider nur ein Traum)


„Weihnachten in Bottrop – ein Wintermärchen“, so lautete das Motto des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Um dieses Motto umzusetzten gab es auf dem diesjährigen Weihnachtsmarkt eine besondere Attraktion: einem künstlichen Rodelhang! Die hiesige Skihalle produzierte den Kunstschnee, der von Sattelkippern in die Stadt transportiert wurde und kümmerten sich um das ganze Drumherum für ein kurzweiliges Rodelvergnügen mitten in der Stadt. Aus einer künstlich angelegten Winterlandschaft mit Holzhäusern und vielen Tannenbäumen ragte die rund fünfzehn Meter hohe und dreißig Meter lange Abfahrt heraus.

Die transportable Anlage wurde so konzipiert, dass man über einen schmalen, mit Tannenbäumen gesäumten Weg zur Kasse und dem Meetingpoint gelangte, von dem man aus eine gute Sicht auf die gesamte Piste hatte. Dort gab es Stehtische, um die man jeweils einen Wärmepilz gruppierte, Holzbänke, die zum Verweilen einluden, einen Glühweinstand und eine Skihütte, in der man neben der normalen Bratwurst und Pommes, auch Leberkäse, Brezeln, Steaks und Weißwurst kaufen konnte. Die Buden standen so angeordnet, dass sie wie ein Sichtschutz zur Einkaufsstrasse wirkten. An ihren Rückwänden schlossen sich wiederrum andere Verkaufsstände an, in denen Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge, Wurstwaren und Spirituosen aus Tirol und dicke Norwegerpullover angeboten wurden.

Zwischen dem Auslauf der Rodelbahn und der Außengastronomie installierten die Veranstalter vor den Absperrgittern luftgefüllte Aufprallkissen, damit die Wintersportler, die nicht rechtzeitig ihre rasante Fahrt stoppen konnten, nicht sich und die hinter der Absperrung stehenden, Speisen verzehrenden Gäste, in Gefahr brachten. Während der Nachwuchs auf bunten Rodelreifen den Hang laut jauchzend hinunterrutschte, standen die Eltern mit Glühwein, Eierpunsch oder Grog an den Tischen,  der eine oder andere Hartgesottene darunter, der sich mit kaltem Weizenbier stärkte, unterhielten sich oder betrachteten einfach nur das bunte Treiben auf der gut besuchten Anlage.

Am Eingang zum Rodelhügel stand eine lebensgroße, braune Kuh mit mechanisch rollenden Augen und einer dicken, goldenen Glocke, die an einem roten Lederband um den Hals hing und die immer dann den Kopf hob und senkte, wenn jemand durch das Drehkreuz die Anlage betrat. Über den Eingang hing ein drei Meter breites und knapp zwei Meter hohes Schild, dass mit bunten LCD-Leuchten bestückt auf den Betreiber und den Namen der Anlage hinwies: „Braatz Rodelparadies.“

Gleich neben der Talstation – so nannte man den Kassenbereich – gab man seinen gekauften Fahrchip ab und bekam von einem Mitarbeiter des Schaustellerbetriebes sofort einen dieser bunten, prall aufgeblasenen Rodelreifen ausgehändigt. Mit diesem sperrigen Reifen bepackt, stieg man die einen Meter breiten Metallstufen, die jeweils über einen Handlauf an der rechten und linken Seite verfügten, die fünfzehn Meter nach oben zum Gipfel  hinauf. Im Handlauf befand sich zu beiden Seiten ein feinmaschiges Gitter, dass verhindern sollte, dass jemand auf der rechten Seite vom Fahrgeschäft in die Tiefe stürzte und auf der linken Seite unbefugt auf die Abfahrtsstrecke lief und dabei sich und andere Benutzer der Anlage in einen Unfall verwickelte. Oben auf der Alm angekommen, konnte man einen tollen Ausblick über den Cyriakusplatzes, der im Schatten der gleichnamigen katholischen Kirche lag, genießen. Dieser Ort mit den Wasserspielen, die im Sommer zum Ausruhen und Planschen einluden, verwandelte sich für ein paar Tage im Dezember in ein Winterwunderland und aus luftiger Höhe von fünfzehn Meter konnte man in aller Ruhe das hektische Treiben begutachten, bevor man in einer rasanten Fahrt auf dem bunten Rodelreifen zur Talstation zurückkehrte.


Der eigentliche Kern des Weihnachtsmarktes bestand aus einem kleinen Adventsmarkt, dessen Händler von Mitte November bis zum 23. Dezember Ihre Verkaufsstände um die alte Kirche gruppierten. Sie bekamen nur in den vier Tagen vom Donnerstag bis zum vierten Adventssonntag Konkurrenz durch die sorgfältig von der Werbegemeinschaft ausgewählten Händler. Es sollte nur alles das auf dem Weih-nachtsmarkt angeboten werden, was direkt oder indirekt mit dem Thema Weihnachten oder Winter zu tun hatte. Vertreter von Töpfen und Pfannen erhielten genauso eine Absage, wie Händler von Kosmetika oder Non Food Waren im tiefpreisigen Bereich. Jedoch gern gesehen wurden jegliche Arten von Handarbeiten aus Ton und Holz, Schwibbogen und Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, Fensterbilder mit winterlichen oder weihnachtlichen Motiven und Figuren, Spielzeuge, warme Winterbekleidung, Mützen und Schals sowie Obst, Süßigkeit und Baumschmuck aus Glas, Stroh oder Holz. Allerdings auch wohltätige Einrichtungen, die Adventsschmuck und selbst gebastelte Kalender vertrieben, waren herzlich Willkommen.

Wegen der Großbaustelle am Berliner Platz teilte sich der Adventsmarkt in den vier Wochen die gesamte Innenstadt mit dem zweimal wöchentlich stattfindenden Wochenmarkt. Nur an diesem Wochenende fiel zum ersten Mal in der Bottroper Geschichte überhaupt ein Wochenmarkt aus. Aber wohin auch mit den Händlern, während sich in der halben Innenstadt Weihnachtsbuden, Stände und Karussells ausbreiteten und deren Stellflächen übernahmen? Lange hat man hin und her überlegt. Ein Teil des Wochenmarktes wurde daraufhin auf den Pferdemarkt verlegt, ein anderer Teil sollte zum Gleiwitzer Platz, dem Parkplatz vor dem ehemaligen Ruhrkohlehaus ausweichen. Aber trotzdem fehlte Stellfläche. Aus diesem Grund ging man ein Kompromiss ein – der Wochenmarkt verkleinerte sich für dieses eine Wochenende, bis ein Teil der Händler sogar den Vorschlag der Kaufmannschaft der Innenstadt annahm und sich dem Weihnachtsmarkt anschloss. Im übrigen fand dieser große Weihnachtsmarkt in der Form in diesem Jahr zum allerletzten Mal statt. Aber das ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner von den Beschickern und der Bevölkerung. Die Pläne dafür lagen schon lange in der Schublade der Kaufmannschaft, denn der Umbau der Stadt für die Zukunft hatte begonnen. In den Jahren darauf beschränkte sich die einst so große Veranstaltung auf dem kleinen Rathausvorplatz und dem Parkplatz zwischen den Verwaltungsgebäuden und der neugestaltete Berliner Platz, der zu diesem Zeitpunkt der Geschichte noch ein großes Loch gewesen ist, blieb leer. Dabei sollte er doch mal das Wohnzimmer der Bottroper und Mittelpunkt aller Veranstaltungen werden. Das war Zukunftsmusik, aber hier und jetzt an diesem 19. Dezember interessierte dies noch keinen. Der Weihnachtsmarkt erstrahlte in dem Glanz, so wie ihn viele Bottroper kannten und ihn noch lange in Erinnerung behalten würden. Die Verkaufsstände im Zentrum des Weihnachtsmarktes wurden einheitlich gestaltet und sie erinnerten ein wenig von ihrer Bauweise her an den alten Stall zu Bethlehem. Die Dächer der Holzhütten verziert mit Girlanden aus künstlichen Tannen, in denen kleine Elektrolichterketten eingeflochten wurden und die in der Dunkelheit wie kleine Sternlein glitzerten. …all überall auf den Tannenspitzen, sah ich kleine Lichtlein blitzen…

Die Innenstadt wurde zum größten Fest des Jahres mit großen und kleinen Weihnachtsbäumen, die jeweils direkt neben einer dieser zahlreichen Hütten standen, ausstaffiert. Ausgewählte Tannen bekamen einen Paten in Form einer Schulklasse oder einer Kindergartengruppe, die diese Bäume schmückten und diesen besonderen Baumschmuck vorher in einigen Werkstunden herstellten. Jeder Baum ein Thema und jede Altersgruppe ging an dieses vorgegebenen Thema anders heran. Aus diesem Grund erschienen die vielen liebevoll geschmückten Tannen im Auge des Betrachters nicht nur als schön, sondern auch als einzigartig.

Kleine Tannen, die gerade einmal so groß gewachsen wie ein durchschnittlicher Zehnjähriger waren, standen neben Bäumen, die eine stattliche Höhe von mehr als zwei Meter aufweisen konnten. Manche mit selbst gemachten Strohsternen und Engelchen behangen, andere wiederum mit Kugeln, die Abschlussjahrgänge der Hauptschule in einigen Kunststunden angefertigten und andere Tannen wiederum einfach nur mit kunterbunten Scherenschnitten, wie Schneemänner oder dem Weihnachtsmann aus Pappe herausgeputzt, die von Grundschülern mit ungelenker Hand aus Vorlagen ausgeschnitten wurden. Man konnte den kleinen Kunstwerken anmerken, dass viel Herzblut in der Arbeit an diesen weihnachtlichen Baumbehang steckte. Die drei schönsten Bäume wurden von einer Jury in den jeweiligen Altersklassen prämiert und so machten sich sowohl Kindergartenkinder, sowie ältere Schüler die in Arbeitsgemeinschaften oder im Kunst- oder Werkunterricht kleine wunderschöne Sache produzierten, mit Feuereifer daran, in diesen Wettbewerb einzutreten. Ein Gewinner stand von vornherein fest – die geschmückte Einkaufsstraße, die auch nach Geschäftsschluss und am Wochenende zum Bummeln und Verweilen einlud. Auch diese Aktion würde einmalig bleiben und so mancher Schüler würde noch später, wenn ihn bereits das Arbeitsleben eingeholt hat, voller Stolz berichten, er sei damals dabei gewesen.

Der Weihnachtsmarkt zog sich quer durch die Innenstadt bis zum Rathausplatz, wo in diesem Jahr wieder vor dem Bottroper Wahrzeichen – dem alten Rathaus - eine lebendige Krippe stand, in der es nicht nur eine Art Streichelzoo, mit Schafen, Ziegen, Esel und jede Menge Kleintieren gab, sondern mit echten menschlichen Krippendarstellern, die bereits Wochen zuvor für diese vier Tage gecastet wurden. Am Samstagabend und am Sonntagnachmittag führten sie in dieser lebendigen Krippe die Geschichte von Christi Geburt auf. Wer die Darsteller waren, wussten nur die Beteiligten selber, alle anderen erfuhren es erst bei den jeweiligen Vorstellungen. So wollte man jede Menge Schaulustige auf den Rathausplatz locken und den Platz, der etwas Abseits vom eigentlich Geschehen lag, aufwerten. Die Gaudi an der Geschichte waren die prominenten Gäste, mit denen bereits vorher auf Plakaten geworben wurde. Prominente nicht nur aus Funk und Fernsehen lockte der Veranstalter in die Ruhrgebietsstadt, sondern auch lokale Größen. Vor der Krippe gab es ein Zelt, in dem eine Art Krippen-Café einrichtete, in dem ständig frische Waffeln oder selbst gebackenen Kuchen, Kaffee, Kakao angeboten wurden, den man an festlich geschmückten Tischen und Bänken mit wärmenden Sitzauflagen bezogen, genießen und sich dabei einwenig vom Trubel und dem Herumlaufen erholen konnte. Das Krippen-Café war besonders von den Älteren besucht, Familien mit Kinder schauten nur kurz vorbei, denn der Nachwuchs quengelte und drängte schnell zum Aufbruch. Aus kleinen Lautsprecherboxen klangen altbekannte Weihnachtslieder, die von Kinderchören eingesungen und hier nun leise als Hintergrundmusik abgespielt wurde.

Wenn man vom Rathausplatz wieder in die Innenstadt wollte, führte der direkte Weg über die Kirchhellener Straße zurück zum Altmarkt. Rechts und links der Straße standen einfache Marktstände – diese bestanden aus zwei klappbaren Stützen, zwischen den die Auflagebretter als Verkaufsfläche lagen, mit einer Kombiplane als Dach und Rückwand. Die Werbegemeinschaft stellte diese einfachen Verkaufsstände zur Verfügung, legte allerdings bei ihrer Auswahl großen Wert darauf, dass diese Marktstände allesamt aus Holz gefertigt und einheitlich mit Tannenzweige ausstaffiert wurden. Die Kirchhellener Straße sollte ebenfalls ein einheitliches Bild widerspiegeln, so wie der Hauptteil des Weihnachtsmarktes, der sich von der Hansastraße bis zur Cyriakuskirche erstreckte, mit seinen baugleichen Weihnachtshütten.


Diejenigen Personen, die sich nicht vom Stress beim Weihnachtseinkauf anstecken ließ, schlenderte Tiefenentspannt über den Weihnachtsmarkt und begutachteten die Auslagen der mit Tannenzweigen festlich herausgeputzte Holzbuden. Hier mal kurz schauen, dort erneut anhalten, um dann vielleicht von Dritten weitergeschoben zu werden. Nur nicht von der Hektik anstecken lassen, es reicht doch, wenn die restliche Umwelt verrückt spielte. So mancher Passant mit einer Seelenruhe ausgestattet, ließ sich von den Remplern, Hektikern oder gestressten Weihnachtsgeschenke-Käufern nicht den Weihnachtsmarkbummel vermiesen. Die einen haben rechtzeitig ihre Geschenke gekauft, die anderen standen am Heiligen Abend noch immer ohne etwas da. SOS-Geschenke gingen ja immer, aber wer war schon so einfallslos und verschenkte Socken, Oberhemden oder einen Schlips? Jeder kann sich selber einschätzen und sich in einer Kategorie einordnen. War man selber eher der Späte, oder lieber der übervorsichtige, der bereits im Sommer anfing, die Päckchen zu packen und sie an einem sicheren Ort im Haus vor den neugieren Kindernasen zu verstecken. Schön, dass die Menschen so unter-schiedlich sind, so wie jeder Besucher dieses Weihnachtsmarktes, von dessen Rodelbahn fröhliches Kindergeschrei herüber drang. Hier wehte dieses Gemisch aus frisch gegrillter Bratwurst und gebrannten Mandeln so extrem durch die Luft um die Nase herum, dass sich kein Bummelnder ihm entziehen konnte. Glühweinstände sorgten für die innere Wärme an diesem nasskalten Tag und für den bunten Teller standen Obsthändler mit rotbackigen Äpfeln, Nüssen, Apfelsinen und allem, was zu einem gelungenen Weihnachtsfest gehörte, parat. Zwischen Kunsthandwerk, Laubsägearbeiten oder Traditionelles aus dem Erzgebirge, warme Kleidung für den Winter, Engelchen für die Wohnung oder mundgeblasener Weihnachtsschmuck, stand der Fischhändler der lebende Karpfen für den Heiligen Abend anbot oder einfach nur den Hering und die Rollmöpse, für den Kater nach dem Fest. Einige blieben stehen und betrachteten die Karpfen, die in ihrem Becken die letzten Runden drehten, bevor sie aus dem feuchten Terrain gezogen und mit einem fachmännischen Schlag auf dem Kopf für die Kundschaft zubereitet wurden.


Das wäre doch mal ein Weihnachtsmarkt - leider alles nur ein Traum.

Bottrop im Wandel


Wenn ich manchmal  vor den Auslagen eines großen Bekleidungshauses (C&A), das sich gegenüber vom Haupteingang der Cyriakuskirche befand,  denke ich sehnsüchtig an die alte Zeit zurück. Damals gab es noch das Spielwaren Timpe direkt in der unmittelbaren Nachbarschaft von  Klamottenanton und ich habe meiner Ausbildung so manchen C-Gang gemacht, um die Preise der Konkurrenz auszuspionieren. Heute ist da nichts mehr, das Gebäude ist abgerissen, es wird die Fläche gebraucht, um größere Ladenlokale zu schaffen.  Immer wieder musste man in den letzten Jahren verstellen, dass wieder ein vertrautes Gesicht die Innenstadt verließ, die in den letzten Jahren sowieso mit den vielen leerstehenden Ladenlokalen zu kämpfen hatte. Selbst das kleine Einkaufszentrum, das auf der einen Seite die Hansastraße, die Einkaufsstraße mit den ganzen Geschäften und dem Berliner Platz verband, blieb von dieser Pleitewelle nicht verschont und meldete schon seit vielen Jahren leer stehende Ladenlokale, die sich nur schwerlich neu vermieten ließen. Zu erdrückend wurde die Konkurrenz aus Oberhausen, wo vor Jahren auf einer Industriebrache ein mächtiger Einkaufstempel entstand, der mit kostenlosen Parkplätzen und jeder Menge Geschäften unter einem Dach wie ein Magnet auf die Bevölkerung wirkte. Die Kaufkraft floss dadurch stetig ab, das spürten alle Einzelhändler in der Bergarbeiterstadt. Auch das den Leuten das Geld nicht mehr so locker saß, galt als eine der vielen Gründe, dass man auf immer mehr verwaiste Ladenlokale in der City traf. Die steigenden Energiekosten, hohe Spritpreise und der Arbeitsplatzabbau, viele hatten schlichtweg Angst um Ihre Existenzen, sorgten mit dafür, dass die Leute ihr Geld zusammenhielten. Vor allem seit dem bekannt wurde, dass von Seiten der Bundesregierung der Kohleausstieg beschlossen wurde und in naher Zukunft der größte Brötchengeber der Region, die Zeche Prosper Haniel und irgendwann danach auch die Kokerei schließen würden, machte sich Betroffenheit breit. Was geschah dann mit den Menschen? Neue Arbeitsplätze sollten geschaffen werden, doch bis dahin galt, sparen für eine ungewisse Zukunft. „Achtet auf den Cent, der Euro achtet auf sich selber“, wurde zu einem Slogan unter den Bergleuten. Die Geiz-ist-geil-Mentalität setzte sich durch und an allen Ecken und Enden versuchte man das Geld zusammenzuhalten, was natürlich der Non-Food Handel als einer der Ersten zu spüren bekam. Ein alteingesessenes Möbelhaus und ein großer Bekleidungsladen mussten Insolvenz anmelden, im Gegensatz zu den Billiganbietern und Ramschläden, die derzeit Hochkonjunktur hatten und wie Pilze aus dem Boden schossen und in die freigewordenen Ladenlokale einzogen und mehr und mehr das Bild der Innenstadt veränderten. Fachgeschäfte mit hochwertigen Produkten beugten sich dem Druck der übermächtigen Konkurrenz aus der Nachbarstadt und fingen an, sich umzuorientieren oder räumten für die wesentlich preiswerte Konkurrenz das Feld. An den Schaufensterscheiben mancher Einzelhandelsgeschäfte prangten dicke Aufkleber, die auf Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe hinwiesen und damit warben, dass nun alles raus musste. Rabattschlachten, um an die letzten Cent der verunsicherten Leute zu bekommen. Ein ruinöses Verhalten der Geschäftsinhaber, denn wenn das Wasser einem bis zum Halse stand, dann musste man schwimmen lernen, ansonsten ging man unter. Die Banken saßen den Leuten im Nacken, bei vielen kreiste bereits der Pleitegeier überm Dachfirst und einige waren eigentlich schon pleite, doch sie gaben trotzdem nicht auf und klammerten sich an jedem Strohhalm.

Mit großer Sorge betrachtete man in der Kaufmannschaft, wie die Innenstadt allmählich ausstarb und sich die Kundenströme und die Altersgrenzen veränderten. Die jungen und mobilen Leute zogen das große Einkaufszentrum in Oberhausen vor, wo man nicht nur shoppen und auf eine Promenade flanieren konnte, sondern es gab auch einen angeschlossenen Freizeitpark, eine große Veranstaltungshalle, ein Musical-theater sowie ein großes Kinocenter. Wer mit dem Auto hinfuhr, fand in den vielen kostenlosen Parkhäusern sicherlich einen Stellplatz. Wer kein Auto besaß oder aus Umweltschutzgründen lieber den öffentlichen Nahverkehr bevorzugte, konnte in einem zehnminütigen Taktverkehr vom Bottroper Busbahnhof mit modernen Gelenkzügen direkt bis ins Herz des Centros fahren. Dafür wurde extra eine eigene Busspur mit separater Zufahrt und Trasse gebaut, um im Falle eines Staues problemlos an den Autos vorbeizufahren. Gerade an den langen Samstagen vor Weihnachten stieß das Einkaufszentrum an seine Grenzen und der Rückstau blockierte nicht nur sämtliche Zufahrten zu den Parkhäusern, sondern auch die angeschlossene Autobahn. Staus von bis zu 3 km Länge waren dann keine Seltenheit. Wer sich diese nervenaufreibende Anfahrt ersparen wollte, ließ lieber den Wagen stehen und fuhr mit dem Bus. Die Shoppingmall verfügte über einen großen, überdachten Haltepunkt, dessen Kuppel wie ein überdimensionales Segel aussah und man konnte von dort aus trockenen Fußes den Haupteingang des mächtigen Konsumtempels erreichen.

Es gab derzeit kein richtiges Patentrezept von den Stadtvätern, um die Innenstadt neu zu beleben. Trotz Arbeitskreises der Kaufmannschaft, trotz zahlreicher Veranstaltungen blieben die Umsatzzahlen der Einzelhändler weit hinter den Erwartungen zurück. Die große Rettung kam dann in der Form eines mächtigen Investors, der den altehrwürdigen Berliner Platz umbauen und darauf ein neues Warenhaus als Zugpferd für die Innenstadt installieren wollte. Als Bedingung forderte man allerdings die Umgestaltung des Hansa-Zentrums und des Berliner Platzes, unter dem eine zweistöckige Tiefgarage gebaut werden sollte. Ein Spangengebäude, welches parallel als Verbindungsglied am Busbahnhof entlang aus dem Boden gestampft werden sollte, verband das neue Warenhaus mit dem alten Hansa-Einkaufszentrum. Es sollte nicht nur ein Bindeglied zwischen neuem Zentrum und alten Stadtkern werden, es sollte für eine Belebung der gesamten Innenstadt sorgen. Wegen der Umbaumaßnahmen opferten die Stadtväter sogar das traditionelle Schwimmbad am Marktplatz und ließ es in den Sommerferien dem Erdboden gleichmachen. Dort wo einst Generationen von Schülern Schwimmen lernten und wo zweimal pro Woche der Wochenmarkt und im Frühjahr die Karnevalkirmes und im Herbst der Michaelismarkt stattfanden, gab es derzeit nur noch Baukräne und ein tiefes Loch für die neue Tiefgarage. Der neu gestaltete Marktplatz sollte schöner und größer werden, umgeben von Bäumen, Wasserspielen und Lichtsäulen. Das neue Wohnzimmer der Stadt. Seit Wochen konnte man die ausgestellten Pläne an den großen Schautafeln rund um die Baustelle und in dem extra am Busbahnhof platzierten Baucontainer einsehen. Zu dem ermöglichte der knallrote Container einen Blick über den Bauzaun hinein die Grube. So konnte sich der Bürger jederzeit einen Überblick darüber verschaffen, inwieweit die Bauarbeiten an der Tiefgarage und dem neuen Berliner Platz fortgeschritten waren. Parallel fingen bereits dort die Hochbauarbeiten an, wo einst das alte Schwimmbad und der dahinterliegende Parkplatz seit Jahrzehnten das Stadtbild prägten. Im Herbst des neuen Jahres plante man alles seiner Bestimmung zu übergeben, doch bis dahin musste sich noch viel tun, wenn man dieses ehrgeizige Ziel tatsächlich erreichen wollte.  Inzwischen wissen wir auch, dass der  Berliner Platz nicht so angenommen wird, wie es einst geplant wurde. Die Kirmes wirkt irgendwie zerissen, weil sich ein Großteil  auf der Osterfelder Straße stattfindet. Es fehlt das Bindeglied zwischen Altmarkt und Berliner Platz.  Auch hat  der  Platz  seinen Charme verloren. Früher fand hier der Wochenmarkt statt,  aber weil der  Marktplatz kleiner geworden ist, wollen die Händler lieber in der Innenstadt bleiben.  Der  Handel  profitiert von dieser Entscheidung, denn ist so wenigstens   garantiert, dass an zwei Tagen in der  Woche die Innenstadt voll ist.

Eine andere Klientel hat den Marktplatz für sich entdeckt  - Obdachlose, Süchtige, Säufer. Schade  eigentlich - gut gemeint alles,  aber irgendwie ist das neue Wohnzimmer der Bottroper      nicht das geworden, was auf dem Papier geplant  war.


Das neue, modernere Schwimmbad, welches als Ersatz für das in die Jahre gekommene Bad am Berliner Platz, entstand,  konnte nach den Herbstferien pünktlich mit einer großen Poolparty der Bevölkerung, Schulen und Vereine übergeben werden. Es gehörte nun als letzter Baustein zu dem neu geschaffenen Bottroper Sportpark. Dort gab es das altehrwürdige Jahnstadion, auf dessen Laufbahn im Laufe der Jahre Millionen von Runden von Schülern und Sportlern gelaufen wurden und die Kicker des dort beheimateten VFB manch großen Erfolg feierten. Doch das gehörte alles der Vergangenheit an. Das Stadion, in die Jahre gekommen, der Besucherbereich von Unkraut überwuchert und die Tribüne baufällig, so zeigte sich noch vor einigen Jahren die Sportstätte. Der VFB Bottrop genauso sportlich am Boden wie seine Heimstätte, stand mit einem Bein am Abgrund, dem Abstieg in die Kreisliga. Finanziell sowieso nie auf Rosen gebettet, kämpfte der Verein nicht nur gegen seinen sportlichen Offenbarungseid, sondern auch ständig gegen den finanziellen Kollaps. Dort wo einst große Namen des Ruhrgebiets zur Regionalligazeiten in den sechziger Jahren spielten, trafen sich heute nur noch Vereine aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Statt Rot-Weiß Essen und Wuppertaler SV liefen heute Gegner wie SC 20 Oberhausen oder SV Bottrop 1911 zum Kampf um Punkte und Ehre auf. Die Rot-Weißen aus der Nachbarstadt, die rund fünf Ligen höher spielten, kamen nur noch in der Saisonvorbereitung zu Freundschaftsspielen vorbei. Inzwischen ist der VFB in die Landesliga zurückgekehrt, auch wenn man in dieser Saison gegen den Abstieg ankämpfen muss. 

Aber auch der talentierte Leichtathletiknachwuchs, die Kaderschmiede von Adler 07, wechselte mangels vernünftiger Bedingungen zu den größeren Vereine nach Rhede oder Gladbeck. Zurück blieb nur der Rest, der sich zwar bemühte, aber keine Erfolge vorweisen konnte. Stach hin und wieder ein Kind heraus, war es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Vereine kamen und es abwarben. Nur ganz wenige blieben ihrem Verein treu. Also entschied man sich, im Zuge des Imagewandels das Jahnstadion von Grund auf zu sanieren. Es entstand eine moderne Laufbahn, die allen internationalen Ansprüchen gerecht wurde, neue Tribünen und das Spielfeld, dass vorher durch Bergschäden an einer Seite etwas abschüssig verlief, wurde eingeebnet und begradigt. Das Stadion entwickelte sich nach der Umbauphase von einem Schandfleck in ein Schmuckkästchen, in dem nun auch wieder große Sportveranstaltungen und sogar ein paar Fußball-Länderspiele der Jugend- und Behindertenmannschaften stattfinden konnten. Sogar die Nachwuchsmannschaften von Schalke 04 zogen zu wichtigen Spielen aus ihrer baufälligen, aber geschichtsträchtigen Glückauf-Kampfbahn ins neu gestaltete Jahnstadion. Und sie brachten nicht nur Geld in die Kasse, sondern auch Mannschaft mit internationalen Flair in die Stadt. Auch wenn es sich dabei allenfalls um Nachwuchskicker handelt, Bottrop erschien wieder auf der internationalen Bildfläche, sogar in der Leichtathletik. Eine neue Veranstaltung wurde aus der Taufe gehoben, dass sogenannte Leichtathletikmeeting, dass überregionale Sportgrößen ins Jahnstadion lockten und inzwischen einen festen Platz im Terminkalender des Deutschen Leichtathletikverbandes fand. Als Belohnung für das unermüdliche Engagement der Ehrenamtlichen von Adler und den hervorragenden sportlichen Bedingungen, die nun alle Athleten in dieser Sportarena vorfanden, nahm man das neugegründete Leichtathletikmeeting sogar in die Top Ten der deutschen Leichtathletikveranstaltungen auf. Nur der Sportnachwuchs wechselte weiterhin zu den größeren Vereinen, aber das sollte sich irgendwann auch mal ändern. Adler 07 als dort ansässiger großer Leichtathletikverein genoss ebenfalls einen sehr guten Ruf unter den Sportlern und wollte in den nächsten Jahren weiter daran arbeiten, die kleinen Nachwuchssportler weiter in ihren eigenen Riegen zu halten. Mit welchem Konzept, darüber entschied man hinter verschlossenen Türen, denn man wollte einen gewissen Vorsprung auf die großen Platzhirsche aus Wattenscheid, Rhede und Gladbeck haben, deren Scouts die jungen Sportler nicht nur mit hervorragenden Trainingsbedingungen, sondern auch kleinen Aufmerksamkeiten köderten.

Ebenfalls in diesem Sportpark eingebettet, die Mehrfeldturnhalle, der Bottroper Sportpalast, kurzum die Dieter Renz Halle. Sie musste nach einem Großbrand, bei der sie bis auf die Grundmauern niederbrannte, neu aufgebaut werden. Dort finden neben den jährlichen Stadtmeisterschaften im Hallenfußball, sowie Volleyball- und Handballspiele auch an Werktagen vormittags Sportstunden der hiesigen Schulen statt. Mit dem Neubau der Schwimmhalle erfüllten sich die Pläne für den neuen Sportpark am Stadtgarten. Um den Nachbarn den Lärm zu ersparen, entschloss man sich, den Park „einzumauern“. Eine mit Efeu begrünte, drei Meter hohe Mauer umsäumte an der Parkstraße das Grundstück und sollte Lärm und Geschrei vom Sportplatz schlucken.

Der Strukturwandel setzte sich allmählich in allen Stadtteilen durch. Alte Bergarbeitersiedlungen verschwanden oder wurden rekonstruiert, Marktplätze gestaltete man um, neue Kioske lösten die alten Gebäude auf den Marktplätzen ab, neukonzepierte Wohngegend mit mehr Komfort und Lebensqualität entstanden. An allen Ecken und Enden veränderte sich etwas, der große Aufbruch in eine neue Zeitrechnung begann. Der neue Berliner Platz und das umgebaute Hansazentrum sollten die letzten Mosaiksteine in einem großen Ganzen sein, an denen in den letzten Jahren mehrere Bürgermeister und Stadtverordnete in vielen Ausschüssen und Ratssitzungen geplant, herumgestritten und man sich schließlich doch geeinigt hatte. Es gab immer ein paar Stellschrauben, an denen man noch drehen musste, um das eine oder Projekt auf die Beine zu helfen, aber letztendlich sah man schon, dass sich was in dieser Stadt tat. Es gab noch viele Pläne, die in den Schubläden lagen, allerdings getraute sich so recht keiner, diese aus ihren Dornröschenschlaf zu befreien. Ein Hotelneubau an der Kirchhellener Strasse, dort wo inzwischen das leerstehende Hotel Sackers stand, ein neues Sozialamt gegenüber dem Busbahnhof, der auch  ein Facelifting bekommen hat. Abriss von Geschäftshäusern auf der Hochstraße, um neue, modernere Ladenlokale zu schaffen und um attraktiver für Filialen großer Bekleidungshäuser zu werden. Man war bemüht, doch man konnte nicht alles mit einem Mal in Frage stellen. Das wollten die Bottroper Bürger nicht und dafür war auch meist kein Geld in den Kassen. Denn Bottrop zählte nach wie vor zu den ärmsten Kommunen in Deutschland.

Ich selber lebte seit meinem sechsten Lebensjahr in dieser Bergbaustadt und bekam natürlich selber die ganzen Veränderungen mit. Manche bemerkte man kaum, sie fielen eher zufällig dem Betrachter ins Auge, andere wiederum bedeuteten tiefe Einschnitte in die Gewohnheiten der Menschen und kamen so wie die Umgestaltung des Berliner Platzes mit großen Veränderung einher. Sich fit für die Zukunft machen bedeutet letztendlich nichts anderes, als weg mit den alten Zöpfen und die Vergangenheit endlich zu Grabe zutragen. Tradition hin oder her, dort wo der schnöde Mammon vorherrschte, blieb kein kein Platz mehr für sentimentales oder geschichtliches. Es wurde einfach dem Erdboden gleich gemacht, so wie es dem Gebäude an dem Ort widerfuhr, an dem er gerade stand und die Auslagen des Bekleidungsgeschäftes betrachtete. Hier gab es vor vielen Jahren einen großen Filmpalast, in dem er selber als Kind viele aufregende Nachmittage verbrachte und Blockbuster wie Star Wars, Ghostbusters und E.T. mit seinen Freunden oder allein anschaute und dafür eine Menge Taschengeld investierte. Die altehrwürdige Schauburg, dank einer großen Bühne auch als Theater nutzbar, wurde durch die herunterfahrende Leinwand das letzte große Kino in der Stadt. Viele Lichtspielhäuser mussten bereits Jahre zuvor wegen Besuchermangel schließen und ihre Säle verwandelten sich in Supermärkte oder fielen der Abrissbirne zum Opfer. Nachdem das Fernsehen Einzug in die Wohnzimmer der Bürger hielt, begann auch das große Kinosterben. Die Leute brauchten das Kino nicht mehr als Nachrichtenquelle, wie einst, als die Wochenschauen über die Leinwand flimmerten und von den Konflikten und Kriegen, von den neuen Errungenschaften der Technik und den sportlichen Erfolgen von Fußballmannschaften berichteten. Der Vormarsch des Pantoffelkinos bedeutete auf lange Sicht das Ende der Lichtspielhäuser. Um die Leute zurückzugewinnen, musste man was bieten. Dolby Surround und später Dolby digital und 3-D Technik sorgten dafür, dass die Besucher sich inmitten des Geschehens hinein versetzen konnten. Ein Kinobesuch musste zu einem Event werden, denn einfach einen Film anschauen, dass konnte man auch Zuhause.

Diese Entwicklung verschlief man in Bottrop komplett. Ende der Achtziger fiel auch der letzte Vorhang für das traditionelle Lichtspielhaus. Die Stadtväter entschieden über den Köpfen der Bürger hinweg, dass die Stadt nur attraktiver werden konnte, wenn man sich hier für die Ansiedlung eines großen Bekleidungshauses stark machte. Die Kultur konnte auf das Abstellgleis geschoben werden, denn damit ließen sich nicht genügend Gewerbesteuern erzielen, um die permanent klammen Stadtkassen zu füllen. Eigentlich sollte als Ausgleich für den Abriß der Schauburg an einer anderen Stelle wieder ein Theater oder Kino entstehen, doch sämtliche ehrgeizige Pläne scheiterten an den nötigen finanziellen Mitteln. Bottrop war und ist einer der ärmsten Städte im Bundesgebiet. Der Stadtsäckel chronisch leer, suchte man immer wieder nach neuen Wegen, um an Cash flow zu kommen. Wer in dieser Stadt wohnte, lernte mit den Einschnitten zu leben. Reparaturen an Schulgebäuden, Sportplätzen und Turnhallen wurden auf die lange Bank geschoben und erst dann ausgeführt, wenn es fast zu spät dafür gewesen ist. Schwimmbäder standen auf dem Index und sollten abgeschafft werden, Lehrschwimmbecken an Schulen fielen dem Rotstift zum Opfer, der wie eine Axt durch das Leben und den sozialen Verpflichtungen einer Gemeinde schlug. Kinderbespaßung, Freizeiteinrichtung, Jugendhäuser waren einfach zu teuer und wurden entweder geschlossen oder auf dermaßen kleiner Flamme gehalten, dass die Mitarbeiter kaum noch Spielraum hat-ten, um den Kindern etwas bieten zu können. Der jahrelang in den Oster- und Sommerferien gastierende Ferienzirkus konnte nur durch gestiegene Eigenanteile der Eltern und durch Sponsoren weiterhin angeboten und durchgeführt werden. Für das auf dem Index stehende Freibad am Eigen gab es die ersten zaghaften Proteste. Noch sollte es nicht abgewickelt werden, aber irgendwann rasierte es auch der Stadtkämmerer, der dafür lieber an seinem Millionengrab Flughafen Schwarze Heide festhielt. Nach Willen der Betreiber sollten dort einmal Geschäftsleute landen, doch die zogen lieber den Regionalflughafen in Dortmund oder den internationalen Airport Düsseldorf vor. Die teuere, neue lange Start- und Landebahn in Kirchhellen wurde zwischenzeitlich als Trainingsstrecke für junge Kartsportler genutzt. Flugzeuge landete nur selten noch. Höchstens ein paar Sportflieger, aber auch die konnten mit ihren Gebühren das riesige Loch im Flughafensäckeln nicht schließen. So blieb am Ende aus lauter Sparzwang also auch die Kultur auf der Strecke. Was brauchte man auch Kultur, denn das Fernsehen bot doch alles was man wollte. Selbst die Stadtbücherei stand vorm Aus, denn Lesen bildet zwar, aber die Fernsehshows doch viel mehr. War doch geil, Deppen im Container eingesperrt zu begaffen, wie sie nackt vor den Kameras posierten. Erinnerte etwas an die Affen im Zoo, nur das die intelligenter waren als die Protagonisten im Container. Oder das verschwenderische Leben der Reichen. Musste man gesehen haben, vor allem weil der Großteil der Bottroper Bevölkerung sich solche Reise und verschwenderischen Luxus niemals hätten leisten können. Ach ja, da war doch noch was mit der Kultur. Also wer was künstlerisches geboten haben wollte, der musste in die Nachbarstädte ausweichen. Musical fanden in Oberhausen, Essen und Bochum statt. Sie liefen teilweise schon über viele Jahre erfolgreich vor gutgefüllten Rängen, aber hatten am Ende wie viele andere auch mit der anhaltenden Wirtschaftskrise, der steigenden Arbeitslosenzahlen und der sozialen Unwucht zu Kämpfen.

Trotz allem fanden in Bottrop hin und wieder auch noch Theateraufführungen statt – die Spielstätte verlegte man in die große Schulaula eines Gymnasiums oder in die Stadthalle am Rathaus, dem Saalbau. Doch diesen Flair, die roten Plüschsitze und der riesige, verstaubte Vorhang den die alte Schauburg ausstrahlte, konnten natürlich die Ausweichquartiere niemals bieten. Sie hatten keinen Charme, wie es mal ein alter Theaterabonnent aus der Nachbarschaft von de Fries erwähnte. Der Charme, wie er es so schön nannte, fiel den Schaufeln der Abrissmaschinerie zum Opfer. Alle Proteste der Abrissgegner verhallten ungehört. Die letzten Plakate in den Schaukästen des Kinos, wo sonst immer die Szenenfotos der laufenden und zukünftigen Produktionen mit bunten Stecknadeln an roten mit Samt bespannten Rückwänden befestigt hingen, waren auf der Rückseite von Tapeten geschriebene Proteste: „Heute sehen sie den letzten Vorhang, ab morgen gibt es hier Klamotten“ oder „Bottrop wird zur kulturellen Wüste“. Am 3. April 1989 stand auf der riesigen Werbeschautafel, die den Eingang überdeckte, Zappenduster. Es war das letzte Aufbäumen in einen bereits verlorenen Kampf. Wenig später kam die Abrissbirne und    mit den Baggern starb das letzte Kino der Stadt. Somit verschwand nicht nur ein Teil Bottroper Geschichte, sondern auch ein großartiges Lichtspielhaus, mit Loge und plüschigen Sitzen, der letzte kulturelle Treff dieser Gemeinde. Zwar versuchte ein neuer Betreiber mit zwei kleinen Kinos, deren Leinwände nicht ein-mal ein Drittel so groß wie die Alten waren, auf der unteren Hochstraße Programm zu machen, aber die Konkurrenz der immer größer werdenden Kinocenter auf der grünen Wiese mit zehn oder mehr Kinosälen unter einem Dach, konnte er nichts entgegensetzen. Das Sterben des kleinen Kinos ging schleichend voran. Das Publikum blieb aus, weil der Betreiber von den Verleihern niemals als erster die Blockbuster bekam und diese erst Wochen später, nachdem sie in den großen Kinos bereits rauf und runter liefen, anbieten konnte. Finanziell am Ende schloss das letzte Lichtspielhaus der Stadt, ohne dass darüber jemand groß Notiz nahm. Erst die wenigen verwunderten Besucher, die vor den verschlossenen Türen standen, bekamen mit, dass sie sich nun ein anderes Kino suchen mussten. Eine kleine Randnotiz in der Zeitung, Tage später nach der letzten Vorstellung verkündete das Aus und verwies darauf, dass im Kulturhaus, dem ehemaligen Jungengymnasium, an der Blumenstraße ab sofort einmal in der Woche Seniorenkino mit Kaffee und Kuchen angeboten wurde. Dieses gehörte auch zu dem Angebot des kleinen Kinos, was der Betreiber der kleinen Schauburg mit ins Leben gerufen hatte. Als Spartenkino wäre vielleicht noch eine Existenz möglich gewesen, wenn man am Nachmittag die alten Filme mit Heinz Rühmann oder Heinz Erhardt für die Senioren mit Kaffee und Kuchen anbot, die Jugend zog es eh schon seit dem Aus der alten Schauburg in die Nachbarstädte in die großen Kinocenter. Dieses Seniorenkino überlebte bis zum heutigen Tag und fand im Kulturzentrum an der Blumenstraße weiterhin viele Liebhaber, während auf dem Grundstück der Schauburg  schließlich der neue Bekleidungstempel aus dem Boden gestampft wurde und auch die beiden kleinen Kinosäle bekamen schnell wechselnde Nachmieter, von denen sich die wenigsten lange hielt. Erst versuchte man mit einer Disco die Jugend in der Stadt zu halten, aber alsbald wurde auch dieser Laden geschlossen und inzwischen beherbergte das Gebäude eines dieser vielen Glückspielpaläste, die wie Pilze aus dem Boden schossen und sich wie Krebsgeschwüre sich in leer stehenden Ladenlokalen ausbreiteten. Aber auch das Bekleidungshaus merkte die abwanderte Kaufkraft in die großen Einkaufszentren in Oberhausen und Essen, so dass diese Filiale in den letzten Jahren erheblich ihren Umsatzerwartungen hinterher hinkte und so entschied man sich in der Zentrale, die zweite Etage aufzugeben und an einen großen Schuhhändler unterzuvermieten. 


Und heute? Das Hansazentrum ist seit seinem Umbau noch immer nicht eröffnet, der eigentlich Investor ging in die Insolvenz, ein neuer Geldgeber ist noch nicht gefunden. Der Ankermieter - man sprach von Mediamarkt - hat einen Rückzieher gemacht, man weiß derzeit nicht wie es ohne frisches Geld weitergehen soll, viele früchten schon eine Baurunine im Stadtzentrum. Und wenn dann auch noch Karstadt am 28.02.2016 schließt, na dann gute Nacht Bottrop. Es ist schon erschreckend, wie wenig in der Stadt los ist, selbst am Samstag nachmittag. Da wird man wirklich das Gefühl nicht los, dass man sich in einer Provinz befindet, wo am Nachmittag die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Klar, es wird überall gebaut. Gegenüber vom ZOB entsteht ein neues Gebäude, auf der unteren Hochstraße werden mehre Geschäftshäuser mit Ladenlokalen aus dem Boden gestampft. Am Eigen hat man den Rückbau der Hochhäuser an der Ernst-Moritz-Arndt-Straße fast beendet. Neue Siedlungen entstehen, wie unten an der Krümmerstrasse. Bottrop wandelt sich und hat nun auch eine Fachhochschule,   

Hochschule Ruhr West Campus. Dafür musste die alte Agathaschule weichen, meine alte Schule - Overberg - wurde ebenfalls abgewickelt, dort kamen die Studenten übergangsweise unter. Nun steht sie wieder leer.


Ich werde natürlich den Wandel der Stadt im Auge behalten. Mein Herz hängt noch immer an Bottrop - aber nur meines. Meine Mutter gestand mir bei unserem letzten Besuch, dass sie sich nicht mehr vorstellen könnte in Bottrop zuleben. Ja, vielleicht geht es mir auch nach 29 Jahren so, denn genauso lange lebt meine Mutter in Bochum und genießt natürlich die Vorzüge dieser Stadt: Ruhrpark, tolle Innenstadt, großer Einkaufsmarkt keinen Kilometer entfernt. In Bochum kann man leben, aber noch immer schlecht parken...


Vom 12.02.2015 bis zum Rosenmontag, 16.02.2015 war es wieder soweit - Kirmes in Bottrop. Dazu wurde die Osterfelder Straße vom Pferdemarkt bis runter zum Busbahnhof gesperrt, so wie jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst. Früher, da war dieses nicht nötig, denn bis zum Umbau des Berliner Platzes war die Kirmes eine zentrale Veranstaltung gewesen und nicht wie heute, eine zerrissene Innenstadtkirmes.

Doch mit den Jahren wurde die Großveranstaltung immer mehr Opfer der städtebaulichen Veränderungen, ohne Ausgleichflächen zu schaffen. In den siebziger Jahren kamen die Schausteller noch gerne, denn die Karnevalskirmes war zumeist die erste Veranstaltung nach der Winterpause. Dort wo heute das Hotel steht, standen zu meiner Kindheit meist der Airlift und eine anderes Großfahrgeschäft. Diese Fläche fiel weg und der Airlift wanderte auf den Parkplatz hinter dem Schwimmbad. An der Poststraße gab es bis zu Beginn der 80iger Jahre ebenfalls eine Freifläche, auf der meist ein Kinderfahrgeschäft und ein Großfahrgeschäft (in meiner Erinnerung noch sehr frisch der Helios, ein Fahrgeschäft, welches mehre Fahreigenschaften verschiedener anderer Geräte verbinden konnte) oder Hollywood, ein Rundfahrgeschäft, eine Nummer größer als der Twister mit schaukelnden großen Kabinen aufgebaut wurden. Als dort Häuser entstanden, verschwand ebenfalls diese Stellmöglichkeit und die Schausteller blieben weg. Die Kirmes schrumpfte. Es konzentrierte sich alles nur noch auf den Berliner Platz. Dort standen zumeist der Breakdancer direkt am Busbahnhof, vor dem alten Schwimmband fand man meist ein Hochfahrgeschäft (Ranger oder fliegender Teppich, Top Spin) welches darauf aufbaute eine Gondel an einen Arm zu befestigen und auf der Gegenseite ein Gewicht.

Später standen auch mal auch eine Geisterbahn vor dem Schwimmbad. Einen Stammplatz direkt vor der Hauptpost hatte der Autoscooter. In der Regel von Petter, einer der größten Schausteller im Ruhrgebiet mit Standorten in Herne und Bochum. In der Mitte des Berliner Platzes wechselten sich die Rundfahrgeschäfte ab. Mal war Petter mit seiner Petersburger Schlittenfahrt - Berg und Tal Bahn mit fliegenden Gondeln - oder der Musikexpress - die moderne Variante der Raupe vor Ort. Die restlichen Lücken wurden durch Kinderkarussel, Lose- und Schießbuden abgedeckt. Auf dem Verbindungsweg vom Berliner Platz vorbei am Katholischen Stadthaus und dem Schwimmbad, dort wo heute der Kaufland steht, befand sich eine Budengasse. Das Nadelöhr mit riesigen Losebuden, Eisverkauf, Schießbuden und vielem mehr. Der kleine Parkplatz hinter dem Schwimmbad  beherbergte in der Regel zwei Großfahrgeschäfte.  Hier war in den letzten Jahren nur der Airlift - ein Twister - gesetzt. Ansonsten wechselten  sich Autocooter, Krake, Riesenrad ab.

Früher kamen die Beschicker gerne nach Bottrop, heute ist die Kirmesveranstaltung abgestiegen und mutiert zu einer netten Familienkirmes. Durch den Umbau des Berliner Platzes finden dort im Gegensatz zu früher nur noch drei Großfahrgeschäfte Platz. Diese müssen ihr Gewicht auch noch breitflächig verteilen, weil die untenliegende Tiefgarage keine Achterbahn oder Riesenrad tragen kann. Also teilt sich die Kirmes auf. Einmal, in den Bereich Berliner Platz, dort wo vor dem Kaufland als Stammplatz nun Petter mit seinem Autoscooter steht. Der Breakdancer wechselt im Sommer und Frühjahr seinen Stellplatz. Stand er heuer auf dem Berliner Platz, wird ihn der Marktmeister im Herbst wieder am Pferdemarkt einplanen. Dieses Jahr stand vor der Hauptpost eine Geisterbahn, es gab aber auch schon Kinderachterbahnen bzw. Miniacherbahnen, oder das bayrische Spaßhaus. Kinderkarussel und Freßbuden runden das Angebot ab.

Der zweite Bereich der Kirmes ist die Osterfelder Straße mit dem Schwerpunkt Pferdemarkt. Dort finden neben dem Scheibenwischergerät - Crazy Dance vor dem SPD-Haus auch der Loveexpress (vor der Sparkasse) und eine Neuheit, diesmal Spin ihren Stellplätze. Es folgen auf dem Weg vom Pferdemarkt runter zum Altmarkt eine Budengasse, die sich mit Kinderkarussel abwechselt. Im Mündungsbereich zur Hansastraße steht eine weitere Variante des Scheibenwischerfahrgeschäftes - diesmal der Phönix.  Direkt am Altmarkt platzierte der Marktmeister dieses Jahr "Extreme" eine moderne Schaukel mit sich ineinander drehen  Elementen. Dieser Platz ist zur Herbstkirmes aber wieder dem Airlift vorbehalten. Während Xtreme und Spin höchstwahrscheinlich im Herbst nicht wiederkommen werden, gehören Breakdancer. Musikexpress und Autoscooter zu den Grundsäulen der Bottroper Kirmes.

Wer ein Spektakel wie auf der Cranger Kirmes erwartet, der ist in Bottrop fehl am Platz. Hier ist alles ruhiger, übersichtlicher und familiärer. Leider wird aber auch von Seiten der Stadt nicht viel getan, dass sich daran was ändert. Vielleicht geht es ja der Bottroper Kirmes eines Tages so wie der Bochumer Veranstaltung - hier kann man nicht nur die Fahrgeschäfte an einer Hand abzählen, sondern auch die Besucher noch persönlich begrüßen. Schade eigentlich...


Hoher Besuch in Bottrop. Die Big Band der Bundeswehr hatte in Bottrop-Kirchhellen 2004 halt gemacht. Meine Ex war  natürlich mit der Kamera schnell dabei und die nachstehenden Bilder zur Erinnerung gemacht. Übrigens halb Kirchhellen war an diesem Abend auf den Beinen...







Auch wenn ich schon seit 2005 nicht mehr in Bottrop lebe, hänge ich an dieser Stadt und den Menschen. Ich habe eine kleine Auswahl von Fotos zusammengestellt, die einen Ausschnitt aus dieser kleinen Großstadt im nördlichen Ruhrgebiet zeigen. Im Herzen bin ich Bottroper und bleibe dieser Stadt verbunden.


Bottrop und sein Ruf ...

Bottrop – was ist das schon? Eine Ruhrgebietsstadt, wo man nicht einmal die Wäsche zum Trocknen auf die Leine hängen konnte, weil die Luft und Umgebung von der Industrie so schmutzig gewesen ist. Es ging das Gerücht um, dass Weißwäsche nach dem man sie in Bottroper Luft getrocknet hätte, schwarz wie die Kohlen sei, die man aus den Tiefen der Erde tagtäglich nach oben förderte. In Bottrop zu Leben galt als Makel, man wurde mitleidig angeschaut, wenn man mit einem BOT (das Ortskennzeichen für Bottrop) auf dem Nummernschild im Ausland auftauchte. Bottrop, ist das nicht dort, wo es besonders schmutzig ist? Kann man da überhaupt leben? Gibt es dort auch Bäume oder nur Schornsteine? Als Bottroper musste man sich schon einiges anhören und es galt auch als verpönt in dieser Stadt zu leben und trotzdem hatte diese kleine Großstadt ihren Charme und ihre gewissen Vorteile. Sie wirkte manchmal wie eine verschlafene Provinzstadt und an Sonntagen, wenn alle Geschäfte geschlossen hatten, traf dies wirklich zu. Nicht viel los auf den Straßen. Wer jedoch einmal nach Bottrop zu Besuch kam, der stellte völlig überrascht fest, wie viel Grün es dort doch gab. Viele Zechenhäuser hatten ihre eigenen Gärten, Wälder erstreckten sich am Stadtrand zu den Nachbargemeinden und Kirchhellen – das größte Dorf Europas, wie es sich oft scherzhaft nannte – galt als das Tor zum Münsterland. Bottrop – eine Industriestadt im Grünen.